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Beitrag gesendet am 27.06.2004 von Hunter1
 
Auseinandersetzung mit der "Widerstandsarmee"
Sehr geehrter Herr Frieden,

Ich habe mir Ihr Konzept von der „Widerstandsarmee" durchgelesen und mal ein paar Punkte aufgeschrieben, wie ich die Idee insgesamt beurteile. Insgesamt stehe ich dem Vorschlag sehr skeptisch gegenüber; ich habe mir aber doch die Mühe gemacht, mich mal ein bisschen damit auseinanderzusetzen, Fragen zu stellen, Ergänzungen zu machen und Kritik zu üben.


Bedrohungslage

Nur ein Staatenbündnis, welches aus Nachbarn der Schweiz besteht, könnte Interesse daran haben, die Verkehrsachsen im Alpenraum zu besetzen. Zudem ist von einem Gegner die Rede, der 24 Stunden am Tag Luftaufklärung betreibt; falls die totale Lufthoheit noch nicht gewährt ist, wäre dies nur mit Satelliten und hoch fliegenden UAV à la RQ-4AGlobal Hawk (oder EADS Eagle) möglich. Somit kommen als Gegner nur die NATO oder allenfalls die EU in Frage. Die USA im Alleingang schliesse ich aus, da sie keine Verbündeten in unserer Nachbarschaft für ein solches Unternehmen gewinnen könnten, nicht mal Berlusconi.
Weder die NATO noch die EU werden uns je angreifen; es ist nicht auszuschliessen, dass wir früher oder später bei einer (oder beiden) dieser Organisationen Mitglied werden. Beziehungen werden jedenfalls gepflegt, via Bilaterale und NATO PfP.
Fazit: Das Szenario einer Besetzung ist momentan TOTAL UNREALISTISCH! Aber in zwanzig Jahren, wer weiss...(daher haben wir ja auch noch eine Armee).


Gesetzt den Fall, dass es doch passiert:


Ausrüstung

Bei den für die Widerstandskämpfer zu beschaffenden Waffen stimme ich mit Ihnen weitgehend überein. Man müsste vielleicht noch leichte Mörser und Handgranaten mit einbeziehen, damit auch eine gewisse Flächenwirkung bewirkt werden kann. Und dann gilt es natürlich auch, diese leichten Waffen auf einem modernen Stand zu halten. Wie lange man mit einer PAL 77 Dragon noch MBTs knacken kann, weiss ich nicht; es gibt aber inzwischen wesentlich modernere Systeme in dem Bereich, z. B. die Brimstone.
Daneben braucht es aber haufenweise andere Ausrüstungsgegenstände, welche vielleicht nützlich wären. Aufklärungselektronik in Form von Nachtsichtgeräten, Restlichtverstärkern, Richtmikrofonen, etc. wäre vor allem für den Kampf auf grosse Distanzen, also für die Sniper, unabdingbar. Der Gegner würde solche Mittel nämlich auch einsetzen. Aus dem Irakkrieg kamen teilweise (für die irakischen Verteidiger) entsetzliche Berichte, wonach kleine Teams der Koalitionstruppen unbemerkt feindliche Stellungen ausgehoben haben, auf grosse Distanz, unter Einsatz solcher Geräte, über welche die Iraker eben nicht verfügten.
Für die Zukunft muss dazu auch der Einsatz von Kleindrohnen in Betracht gezogen werden, sowohl was Einsatz wie auch Abwehr solcher Systeme betrifft. Die USA erproben momentan sozusagen ferngesteuerte Modellflugzeuge für Luftnahaufklärung, von kleinen Bodenteams gesteuert. Wohlgemerkt, ich schreibe hier nicht von einem System wie die ADS 95, sondern von wesentlich kleineren Systemen. Dabei handelt es sich (noch) um Zukunftsmusik; gerade für eine Widerstandsarmee ohne schwere Waffen und ohne Luftwaffe könnte so ein „Spielzeug" aber von grossem Vorteil sein (Stichwort kreative Kriegsführung).

Ganz wichtig wäre auch die Kommunikation zwischen den einzelnen Widerstandskämpfern einer Ortschaft. Diese muss funktionieren, der Einsatz von elektronischem Gerät ist also unvermeidlich. Man muss davon ausgehen, dass das Telefon-/Mobiltelefonnetz nicht mehr funktioniert, also muss jede Widerstandsgruppe über ausreichend Funkgeräte verfügen können. Andererseits sind koordinierte Angriffe aus verschiedenen Gebäuden in einem Dorf oder einer Stadt stark erschwert.

Noch ein Punkt zur Ausrüstung wäre das Tenue der Kämpfer. Im Ortskampf würden sie in Zivil kämpfen, ganz nach Guerilla-Taktik. Es darf aber nicht vergessen werden, dass zu jeder Ortschaft auch freie Natur, bzw. Agrarlandschaft gehört. Also braucht jeder Kämpfer zusätzlich eine volle Tarnausrüstung, um auch in solchem Gelände operieren zu können.


Alpenraum

In Ihrem Szenario nimmt der Alpenraum seine traditionelle Rolle als Festungsraum ein. Sie wollen von dort aus Angriffe regulärer Truppen führen, die Verkehrsachsen direkt schützen, schlagen den Einsatz von Langstreckenartillerie vor und möchten den Widerstand von dort aus versorgen.
Die Mittel, die dafür aufgewendet werden müssen, sind enorm. Da es sich bei den Verteidigern dort eben um eine „sichtbare" Truppe handelt, müssten Täusch- und Tarnanlagen, Unterschlüpfe und ausgebaute Stellungen FÜR ALLE sich dort befindlichen Einheiten errichtet werden. Der Gegner dürfte keine uneingeschränkte Lufthoheit haben, sonst wäre der Einsatz von Raketenartillerie wie MLRS bzw. das Sammeln von Truppen für Gegenstösse von vorne herein unmöglich. Das wiederum bedingt eine starke Luftabwehr im Alpenraum, sowohl im Kurz-, als auch im Langstreckenbereich. Mit ein paar Stinger kann man zwar Hubschrauber und Tiefflieger aufhalten, für eine B-52 reichts aber nicht. Langstreckenluftabwehr ist jedoch sehr kostspielig, zudem sollte sie auch noch mobil sein als kleines Plus. Es gibt Systeme, die sehr effektiv sein sollen in dieser Hinsicht, etwa das russische S-300/400.
Der starken Luftabwehr im Alpenraum liegt ein Dilemma zugrunde: heutzutage greift praktisch keiner mehr an, wenn er nicht die Lufthoheit hat (ausser vielleicht die Russen, siehe Tschetschenien). Die Luftabwehr würde also VOR einer Besetzung des Landes ausradiert, stünde also für das Szenario nicht mehr zur Verfügung. Somit muss der Alpenraum neu beurteilt werden, denn schwere Waffen können dort nur versteckt werden, sobald sie aus ihren Löchern rauskommen, werden sie vermutlich schnellstmöglich aus der Luft zusammengeschossen.

Logistik

Wie wollen Sie die Widerstandskämpfer versorgen? Sie schreiben, dass die Ausrüstung schon vor Kriegsausbruch, bei einer verstärkten Krisensituation, verteilt werden soll. Wie siehts aber mit dem Nachschub während des Konflikts aus? Ich nehme an, in ihrem Szenario wären versteckte Nachschublager in jeder Widerstandszone schon vorhanden, oder müssten jedenfalls vor dem Krieg errichtet werden (vielleicht haben sie das auch schon vorgeschlagen und ich habs einfach überlesen). Das wäre dann eine ähnliche Situation wie im Irak heutzutage. Allerdings werden auch dort immer wieder Waffenlager entdeckt und ausgehoben, obwohl das für die Besatzungstruppen ein langwieriges und mühsames Unternehmen ist, da selbstverständlich immer wieder neue Lager angelegt werden. Auch bei einem Guerilla-Krieg mit Gelegenheitskämpfen sind solche Depots aber mal leer und müssen wieder aufgefüllt werden. Wenn das Land jedoch besetzt ist, wird das alles andere als einfach; die Besatzer würden rigorose Strassenkontrollen durchführen, und in der Schweiz kann man eine Alternative wie den Ho-Chi-Minh-Pfad vergessen. Wenn zudem jedes Dorf versorgt werden muss, dann gibt das einen extremen Aufwand. Man müsste sozusagen während der Besatzung regionale Zentren (Städte) mit grösseren Mengen an Ausrüstung beliefern, wovon dann wiederum die Dörfer und Siedlungen ausgestattet werden, natürlich alles „gedeckt getarnt". Sowas halte ich eigentlich für unmöglich. Wahrscheinlicher ist es, dass kurzfristig in allen Widerstandsnestern Engpässe auftreten, wodurch der Widerstand selbst nur sporadisch geführt werden könnte.

Dann gäbe es ja noch die „humanitäre Versorgung". Wenn Kämpfe in allen Dörfern der Schweiz, bzw. überall dort, wo sich Besatzungstruppen aufhalten, stattfinden, dann gibt das für die Rettungsmannschaften ein Albtraumszenario. Sicher, die medizinische Versorgung ist in der Schweiz ausgezeichnet; aber wenn man plötzlich an allen Ecken und Enden des Landes Verwundete versorgen muss? Was ist, wenn die Besatzungsmacht diese Versorgung behindert, weil sie letztendlich den Widerstand fördert? Das Resultat wäre eine humanitäre Katastrophe in der Schweiz.


Bevölkerung

Eine Widerstandsarmee ist auf die eigene Bevölkerung als vitales Unterstützungsmittel angewiesen. Schlupfwinkel, logistische Unterstützung und nicht zuletzt Unterstützung im Kampf sind die Aufgaben derselben. In den Forenbeiträgen wurde mehrfach das Argument gebracht, dass die schweizerische Bevölkerung auf so ein Szenario gar nicht vorbereitet sei. Dem stimme ich teilweise zu; das Konzept unserer Miliz- und Verteidigungsarmee hat die Zivilbevölkerung zwar eigentlich immer in mögliche Kriegskonzepte einbezogen, doch denke ich auch, dass die meisten Zivilpersonen im Kriegsfall und bei Kämpfen möglichst das Weite suchen.
Die Bevölkerung müsste also erst auf ein solches Szenario eingeschworen und ausgebildet werden; in einem sich zuspitzenden Konflikt müsste der Staat das mittels Kriegspropaganda noch fördern (ich benutze den Ausdruck ungern, er trifft aber leider zu).
Ich bin überzeugt, dass im Kriegsfall mehr Leute bereit sind, ihre Heimat zu verteidigen als im Frieden. Greueltaten einer Besatzungsmacht werden durch anhaltenden Widerstand aber gefördert (die Bilder von Abu Ghraib, Tschetschenien und Dutzenden anderen Kriegen sind uns noch in guter Erinnerung). Das mag die Kampfbereitschaft von Zivilisten ebenso erhöhen wie ihre Bereitschaft, zu kollaborieren.
„Kreative Kriegsführung" bedeutet meiner Meinung nach auch grausame Kriegsführung. In einem Guerillakrieg wird die Genfer Konvention als Erstes vergessen (und in welchem Land liegt Genf, bzw. welches Land rühmt sich seiner „humanitären Tradition"?). Wie würden sich Kämpfer im Nahkampf verhalten? Jemanden auf eine gewisse Distanz zu erschiessen dürfte schon schwierig genug sein, aber jemandem die Kehle durchschneiden...?
Trotz Videospielen und Brutalo-Filmen, trotz Kriegstraumata, ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die Tötungshemmung der Bevölkerung über Nacht einfach drastisch senkt. Längerfristig zwar schon. Aber eine propagandistische und ideologische Vorbereitung der Bevölkerung, mit welcher sie zum Töten aufgefordert werden soll, kann sowas gutgehen?

Die Schweiz als führungslose Guerilla-Nation?

Wir Schweizer haben zwar trotz unterschiedlicher Sprach- und Kulturregionen, trotz Röschti- und Polentagraben einen recht guten Zusammenhalt; das Nationalgefühl ist flächendeckend vorhanden, ich denke auch in der politischen Parteienlandschaft. Ob sich die Gesamtbevölkerung in einem Krieg, wo plötzlich jedes Dorf, jede Ortschaft, jedes Tal, jede Region für sich selbst verantwortlich ist, weiterhin an diesen Zusammenhalt erinnert, wage ich mal in Frage zu stellen. Ich trete hier bewusst auf das Albtraumszenario jeder Nation ein, die einen Guerilla-Krieg erlebt hat oder immer noch erlebt. Die Ideale und das eigentliche Kriegsziel, in diesem Fall die Vertreibung einer Invasionsmacht, sind meist sehr schnell vergessen. Je länger der Krieg dauert, desto unmenschlicher und grausamer wird er, egal ob er „chirurgisch" mit Präzisionsbomben oder mit einem Massaker anfängt. Und je länger er andauert, desto weniger sind die beteiligten Parteien daran interessiert, dass er wieder aufhört. In Tschetschenien blüht der Handel zwischen russischen Soldaten und Widerstandskämpfern, in Liberia, Sierra Leone und im Kongo profitieren Warlords, allesamt (ehemalige) Guerilla-Führer, vom Weitergehen der Kämpfe, da sie in einem anarchischen Zustand von illegalen Geschäften profitieren können, in Kolumbien hat nebst allen anderen Parteien inzwischen auch die FARC (als letzte?) vergessen, weshalb sie vor Jahrzehnten die Waffen gegen die Regierung erhoben hat, scheissegal, Hauptsache weiterkämpfen!
Es soll mir keiner davon anfangen, dass sowas in der Schweiz bei einem unorganisierten Guerilla-Krieg nicht möglich ist! Es soll mir keiner damit kommen, dass die Schweizer eher zu „helvetischen Kompromissen" bereit und daher in der Mentalität eher friedlich sind! Wie schnell aus einem friedlichen Volk eine Bestie werden kann, haben die Deutschen der Welt vor etwa siebzig Jahren wieder einmal in Erinnerung gerufen (obwohl es sich dabei um en totalitäres System handelte, also das ziemliche Gegenteil einer lokal organisierten Widerstandsorganisation).



Ich komme zum Schluss, dass eine Widerstandsarmee diesem Land mehr schaden als nützen würde. Unsere Armee ist traditionell ein Infanterieheer; eine gut ausgebildete und ausgerüstete Infanterietruppe kann ähnliche Aufgaben übernehmen wie eine Gruppe von Widerstandskämpfern. Die zunehmende Bedeutung von SOFs in den Armeen dieser Welt trägt dem Rechnung (erzählen sie mir als Fallschirmaufklärer der Kp17 bitte nicht, dass ihre Truppe nur Aufklärungsarbeit verrichtet, auch wenn das offiziell so festgesetzt ist...). Es gibt zudem den Grundsatz, dass keine Guerilla-Armee einen Krieg gewinnen kann, wenn sie sich mit nicht der Zeit in eine reguläre Armee umwandelt. Sicher, man kann dem Feind als Widerstandsgruppe Nadelstiche zufügen, ihn aber endgültig aus einem Gebiet zu vertreiben ist nur möglich, wenn man die Gegend auch sichtbar besetzt.
Sie weisen darauf hin, dass unser kleines Land sich mit der Zeit keine Streitkräfte leisten kann, die mit einer High-Tech-Armee (z.B. der USA) mithalten können, weil die Waffensysteme immer teurer werden. Ich bin mir da nicht so sicher. Wenn sich die Armee auf eine solche Bedrohungslage einstellt und bspw. die teuren, aber gegen eine moderne Luftwaffe offenbar wirkungslosen, schweren Waffen aufgibt und sich stattdessen auf die Luftabwehr in allen Bereichen sowie auf eine starke Infanterietruppe konzentriert, dann reicht das Geld vielleicht wieder. Die Panzerliebhaber werden mich für diesen Satz hassen und darauf hinweisen, dass grad die leichten Brigaden der Amerikaner im Irak bisher viel grössere Verluste hinnehmen mussten als die schweren Panzerdivisionen, einfach deshalb, weil die schnellen, aber nur leicht gepanzerten Stryker-LAVs (auf Basis von Schweizer Piranhas) praktisch von einer Panzerfaust zerlegt werden können. Trotzdem ist die Zeit der grossen Panzergefechte in der Schweiz wohl vorbei (v.a. bei dem Gelände), also könnte man das Geld, das bei diesen Truppen „verlocht" wird, woanders verwenden. A propos „Verlochen": in unserer Armee wird aufgrund von Vetterliwirtschaft und Kontingentierungsfragen dermassen viel Munition und Treibstoff sinnlos verpufft, dass einem die Haare zu Berge stehen, wenn man davon hört oder es selbst erlebt. Zudem dominieren in Ausrüstungs- und Logistikfragen der Kantönligeist und die protektionistische Einstellung der Armee zum einheimischen Gewerbe. In den WKs wird zudem nur noch gesoffen und rumgehangen. Wenn man bei diesem Sauhaufen mal ordentlich aufräumen und durchmisten würde, käme vermutlich so viel Geld zum Vorschein, dass sich die Schweiz ein erstklassiges High-Tech-Heer leisten könnte, welches schon dafür sorgen würde, dass kein BöFei einfach so durchmarschiert.

-Hunter1-

 

Antworten:
02.07.2004   Re: Auseinandersetzung mit der, Ernst Frieden


 
© Ernst Frieden, Langnau am Albis, Juli 2003
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